Dienstag, 8. August 2017

Wiederholung


Der Türrahmen hält mich auf. In meinem Kopf ein versteinerter Schmerz. Ein verhüllter Mensch kniet stumm im Korridor. Der Kühlschrank steht offen. Die Orientierung fällt mir schwer. Am Himmel bauschen sich orangene Wolken auf. Ein eichener Schrank stellt sich in meinen Weg. Die alten Teppiche sind in Bewegung.
Mir ist, als spalte sich mein Schädel. So als bräche man einen kräftigen Äpfel mit beiden Händen in zwei Hälften. Im Ausguss klebt geronnenes Blut. Überall die halb gelesenen Bücher ... Als die Sirene zu dröhnen beginnt, lege ich mich flach auf die kalten Fliesen des Badezimmers.

Eingeklemmt zwischen zwei muskulösen Schenkeln die frisch gewaschene Bettdecke. Mein Körper seitlich zur Wand. Ein Schlaf in unendlicher Tiefe, lange Aussetzer beim Atmen. Ein leichter Wind streicht den behaarten Rücken. Zwei Fliegen wandeln über die matten Schulterblätter hin und her. Ein Traum aus Beton und Zuckerwatte, scharfen Säbeln und saftigen Küssen, prallen Brüsten und ausgefallenen Zähnen ... unbeweglich liegt der Mensch. Ich bin es nicht. Du bist es nicht. Niemand ist gemeint.

Jetzt ist wieder alles dunkel. Die Wiederholung fängt an. Gleiche Zeit, gleicher Ort. Mein Herz verfärbt sich schwarz. Die Musik ist aus. Andächtig schweigen die Bäume. Ein gleichmäßig verlaufender Nebel zieht heran und verschlingt die Konturen eines Alptraumes. Wieder knalle ich zuerst gegen den Türrahmen. Danach verliere ich das Gleichgewicht und etwas später meine Stimme. Die Innenseite des Kühlschrankes offenbart verheißende Wirkstoffe. Nichts hilft. Das weiß ich. Mein Blick sucht das Zimmer ab. Es ist Zeit zu gehen obwohl ich bleiben möchte. Gott hat sein Schwert an beiden Seiten frisch geschliffen und schwingt es ohne Widerstand durch die schwülen Lüfte.

Sonntag, 6. August 2017

TRAIN X


Niemand hier - außer mir. Während der letzte, sonntägliche Glockenschlag zwischen den Hügeln leise davon weht, faucht an der S-Bahn-Tür die Hydraulik. Eine schnöde Ansage folgt. >>Nächster Halt ist ZOO<<.
 
Es geht vorbei an Kleingärten und einer alten Schnellstraße. Ein junger Schaffner, kaum 20 Jahre jung, nähert sich mir schüchtern und bittet mich mit nasaler Stimme um die Kontrolle meines Fahrscheines. Seine schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Finger sind von Nervosität gehäutet ... roh und rot, in einem bedenklichem Zustand.
 
 
Direkt vor mir wird eine Zeitung gefaltet. Äußerst präzise, akkurat und mit einer gewissen Härte. Dahinter versteckt sich jemand unbewusst.
 
Hinter mir liegt die Traurigkeit und letztlich türmt sie sich vor mir auch schon wieder auf. Frische, duftende Rosen fehlen. Von wildem Wuchs und in einem zarten, weißlichem Rosa.
 
Der Kot von Tauben ziert ein ungenutzten Bahnsteig. Ein grauer Hydrant wartet daneben schon seit Jahrzehnten auf das flammende Inferno im Hauptbahnhof, hektischen Feuerwehrmännern mit langen, wurstigen Schläuchen. Leere Plastik-Kanister, halb gestapelt, halb durcheinander gepurzelt ... Die Fahrt geht weiter. Sonne steht senkrecht über den Waggons. Es sind keine weiteren Fahrgäste zugestiegen. Das WC leuchtet als BESETZT, die Zeitung raschelt wieder ruckartig, bestimmt und wehrlos in kräftigen Händen.
 
An einer frisch verlegten Betonmauer von urbaner Größe stehen schlecht gesprühte Parolen. FICK DICH! Beispielsweise. Der Himmel strahlend Azurblau, die Wolken wie riesige Zuckerwatte ... eine nasale Stimme fordert mich bereits zum zweiten Mal auf den Fahrschein zu zeigen. >>Wir hatten schon<<. Entschuldigung. Die Finger sind wirklich sehr schmal und knochig. Sehr wund um die Kuppen. Er erregt Mitleid.
 
Die Felder zur rechten wie zur linken sind abgeerntet. Ein trostloser Anblick. Es besteht angesichts solcher Leere wenig Hoffnung. Die Graffitis der ansässigen Dorfjugend sind auch an der nächsten Bahnhofsmauer äußerst dilettantisch ... das verschlimmert meine generelle Ablehnung gegenüber dieser Kunstform nochmals um ein Vielfaches. Dafür tragen die kommenden Wiesen jegliche Farben und Harmonien mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit, dass plötzlich doch wieder Hoffnung keimt. Die Traurigkeit geht in Deckung, währenddessen der Zug unvermittelt auf freier Strecke zum Stehen kommt.
 
Sonntag im August, kräftiges Beschleunigen, fliegende Landschaften, Ebenen ... 
Die Sehnsucht nach einem Halt oder gar einem längerem Verweilen mit dieser Schönheit hat sich nach der nächsten Kurve auch schon wieder verflüchtigt. Die Liebe fällt nicht einfach hier und da hin, sie kommt, geht und ist mitunter nicht zu fassen. Meine ganze Bewunderung gilt schönen Frauen.
 
Das Maisfeld neben dem Flughafen - der Wind spielt mit den Halmen. Unaufhörlich bewegt sich ein Ziel auf mich zu. Die Zeit läuft ab. Eine kleine, ältere Asiatin mit mächtigen Augenringen sitzt mir gegenüber. Sie ist vielleicht 55 Jahre alt und wirkt unruhig. Es bleibt ihr Geheimnis und mir ist schließlich alles egal. Jeder taumelt in seinem kleinen Kosmos von Irrenanstalt zu Irrenanstalt. Der Einzelne hegt seine Wahrheiten wie einen schillernden Schatz. Hinter der Stirn liegen unbenutzte Bücher.
 
Es geht mir nicht gut, weil die Weite des Lebens unüberschaubar geworden ist. Richtig und falsch sind die Eckpunkte dieser Zeit. Schuldig oder nicht ... ich werde daraus nicht mehr schlau.
 
Kleine, wilde Birken flattern mit ihren winzigen Blättern. Birken sind überall. Ein Mint-Bonbon wirkt. Radfahrer in knappen, glänzenden Höschen hantieren mit ihren Gestellen, streiten sich um die bestmögliche Position. Ausflügler auf der Suche nach einem Wochenend-Spaß auf asphaltierten Wegen und einem Biergarten unter ausladenden Kastanienbäumen. Parfum wabert aus den grellen Trikotagen.
 
Mir wird alles zu viel. Die rennenden Kinder, das Geschrei, das Hopsen, das peitschende Geräusch einer ruckartig gefalteten Landkarte, die Gerüche von Wurst, kaltem Toastbrot, mittelmäßigen Eau de Toilette. In einem dunklen Tunnel ergreifen mich panische Fluchtgedanken ... Der nächste Hauptbahnhof, viele Zugestiegene, noch mehr Stimmen, eine Fahrradklingel, das schrille Piepen der Türen.
 
Ich muss augenblicklich raus hier.
 

Mittwoch, 2. August 2017

Gefundenes Fressen - Teil 56


°GOLD/SILBER/BRONZE erwärmt sich seit geraumer Zeit an Kochsendungen eines ganz speziellen Formats ... Bodenständig, herzerweichend, rustikal, authentisch, liebevoll - Wenn Peter kocht!
Die aktuelle Ausgabe von °GEFUNDENES/FRESSEN präsentiert diesmal einen Link zu einer ganzen Serie leckerster Gerichte. Ambiente, Equipment, Charakter und etwas furchtbar liebenswertes an Gedanken, Argumenten, Erinnerungen, Künsten ... Vielleicht entdeckt der eine oder andere Leser selbst die Besonderheiten der einzelnen Zubereitungen. Peter gibt jedenfalls alles: Ächzend, stöhnend, schlurfendes Schrittes: HERRLICH-FANTASTISCH-LECKER!

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Sonntag, 30. Juli 2017

34°C


Mit weit über 30° Celsius und einem heißen Südwest-Wind flimmert sich ein elendig langer Sonntag ins Delirium. Über den teils abgeernteten Feldern kreisen die Bussarde und lassen sich, bei ihrer rasanten Jagd nach kleinem Getier, von den abrupten Böen dabei unterstützen. 
Im Hof stapeln sich mittlerweile zuhauf die leeren Weinflaschen ... das große Tor knarzt und wummert in den rostigen Scharnieren. Hin und wieder rollen Autos über die alte, gepflasterte Dorfstraße - sonst ist hier nichts als ein Sommersturm, gleißende Hitze und der vage Gedanke an die allmähliche Verrohung von uns allen. Unter einer riesigen Glocke aus Haribo-Goldbären, Weinbränden, Sauerbraten, Abgasen, Dispositionskrediten, Flugreisen, Siedlungen, Werbeagenturen, Aufmärschen, mikroskopischer Pornografie, Zuckerwatte, Ego-Zentren, Eitelkeiten, Narzissmus, chinesischen Nudeln, flächendeckenden Tätowierungen, Wühltischen, Vorsorge, Versicherungen, Trips und Staus verschwitzen wir wie in einem Hochofen unsere Sensibilität, die kleinen Ängste, eine naturbelassene Furcht ... 
Überall sind Bilder, Motive und Farben die nicht für uns gedacht sind. Viel zu viel - auch bewegt und dabei zu schnell vorüber. Wir verrohen nun. Unmerklich und in aller Stille ...
Die Sonne brennt heute alles nieder. In einer alten Zink-Wanne erwärmt sich frisch eingelassenes Wasser. Schnell hieve ich meinen maladen Körper in das kühlende Nass und tauche für mehrere Sekunden ab. Schwer verrenkt, halb eingequetscht in der feuchten Enge wird mir wieder etwas klarer im Kopf: Noch bleibt etwas Zeit zum Leben!

Dienstag, 25. Juli 2017

Wir werden uns verwandeln ...


Ursprünglich sollte es im Post-Titel heißen: Wir werden uns verändern ... Das möchte ich nach einigem, innerlichen Abwägen jedoch im Kern entkräften und viel lieber von unverbindlichen Verwandlungen sprechen.

Es sehnt mich nach augenblicklicher Ruhe. Alles an und in mir ist von schwerfälliger Müdigkeit befallen - weit geöffnete Fenster, leicht bewegte Vorhänge, einfaches Vogelgezwitscher und zärtliches Trommeln aufkommenden Regens: Mehr braucht es zukünftig nicht! Verhaftet zwischen sämtlichen Gelüsten dieser quellenden Zeit schnürt es mir zunehmend die Kehle ... die Reize schwänzeln um wabernde Hüften, eine Milliarde an Bildern hobelt am Verstand - kreischende Musikanten in den Fußgängerzonen bohren in einem Mischmasch aus guter Laune und mitleidserregender Erbärmlichkeit um die aller letzte Regung von Gefühl und Verstand.

An einem sandigen Weg, mittendrin in langhalsigen Halmen wälzt sich trunken ein Mann mit Pferdekopf und sucht den Mittelpunkt der Erde. Die Schwalben fliegen tief - eine illustre Meute aus Grillen, Grashüpfern und Käfern - das Unterhemd ist zerfetzt, aus einer uralten Narbe rinnt frisches Blut ... alles gerät durcheinander! Auf einem vorbeifahrenden Kutschbock drischt der Tod auf nackte Weiber ein, ein Ford Mustang wirbelt Staub auf, überall liegen zertretene Himbeeren und aus den alten Kirschbäumen schlängeln sich millionenfach die langhalsigen Maden. Ein Hengst bespringt zitternd die willige Stute, Kampfjets verschwinden wie aus dem Nichts vom Himmelszelt und greifen in einer aufreizenden, geilen Kriegsformation den Teufel in der Hölle an ...

Wir werden uns verwandeln.

Sonntag, 23. Juli 2017

Das Unglück der Amsel Peter.


Mitte Juli im Sommer 2017: Peter hat furchtbaren Durst! Die Temperaturen liegen seit drei Tagen beharrlich über 30°C im Schatten - eine gleißende Sonne steht starr und unerbittlich am überblendeten, geweißtem Himmel. Es riecht nach verdorrten, trockenem Gras und aufgeweichten Teer. Die Stille zur Mittagszeit schwebt bedrohlich über den Lebewesen des gepflegten Kleingartens ... Der schonende Schatten hat sich in die aller letzten Ecken verdrückt und zeigt keinerlei Regung. Eine Regentonne ist nur noch zu einem Viertel gefüllt - darüber ein ganzer Meter dumpfe, trostlose Leere.
Peter hat furchtbaren Durst! Die letzten Pfützen der Stadt haben sich aufgelöst und die zurückgebliebenen Erdkrusten zeigen Risse der Verzweiflung. Peter ist auf der Suche nach etwas Lebenselixier - wie die Kinder vom Bahnhof Zoo - und ist bereit einiges zu riskieren. Die Regentonne!

Seit vier Stunden sieht Peter den Himmel über sich als viereckigen, leicht abgerundeten Ausschnitt. Ein Nichts aus fehlenden Konturen und Zeichnungen. Diese Unendlichkeit hat der Teufel gemacht. Wasser ist jetzt genug da. Viel zu viel für einen, der zwar Durst hat aber nicht so richtig schwimmen kann. Am Anfang wehrt sich Peter vehement gegen sein Schicksal, schlägt um sich, bewegt die Flügel und schlägt damit auf die harte, dunkelgrüne Plastik ein. Viel Kraft verliert sich innerhalb der ersten halben Stunde im Nirgends ...
Hin und wieder kommen klagende Laute aus Peters Schnabel - viel zu leise für einen unbesuchten Kleinstgarten. Es gibt keinen Gott. Es gibt kein Glück. Er wird sterben, Peter ahnt sein natürliches Schicksal ohne nachträgliches, feierliches Begräbnis. In hohem Bogen wird er von einer Schaufel über den Zaun geschleudert werden und leblos in einem dichten Brennnesselfeld landen. Von aller Welt vergessen.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Der Rasenmäher springt an und zerstört die bleierne Stille. Im Anschluss das leicht betäubende Rauschen eines frivolen Rasensprengers. Weit fliegt ein goldener Kronkorken über der Regentonne ... zwei große, blaue Augen eines Mannes schauen plötzlich erschrocken in die kleinen Kuller-Linsen von Peter. Etwas Hoffnung - für den Moment. Der Mensch fürchtet sich vor Vögeln und ringt mit seinem Mitleid. Endlose Minuten später beginnt die Tonne leicht und behutsam zu kippen ... das elende Wasser ergießt sich schließlich über der Rasenfläche und versackt dort in Sekundenschnelle. Peter hat wieder Land unter den kleinen, zarten und aufgeweichten Krallen. Überall ist Müdigkeit in seinen Gliedern. Noch einmal starrt ihn der Mensch verunsichert an, es riecht nach Pilsener und Achselschweiß. Was für ein Sommer.

Peter braucht jetzt noch etwas Zeit - und keine Katzen ...