Freitag, 20. Oktober 2017

TRAIN XIV

 
Im Berufsverkehr verliert sich jegliche Eisenbahn-Romantik in einer angestrengten Unübersichtlichkeit. Langsam nehme ich nichts mehr wahr. Die Realität wird absurd und kaum greifbar, das Schöne wie das Schlechte vereinigen sich zu einem verschworenem Gelage aus feister Ironie und aus den silbernen Kelchen quillt das Schicksal. In einem weiten Bogen schleudert der einsame Mann seinen Rucksack voller Gold, Silber und Bronze ins düstere Tal hinunter, hinter ihm die glutrote Sonne kurz vor dem endgültigen Verschwinden durch aufgebauschte Wolkenberge. 

Wir kommen zum Stehen. Alle Menschen am selben Fleck und zur gleichen Zeit ausgebremst. Aus einem Kinderwagen klingen zierliche Laute, kleine, reinliche Rufe in die weite Welt hinaus. Es ist gut so. Das Dunkelwerden, die nahende Nacht, die aufkommende Stille - für feinste Sequenzen ist Frieden zu erahnen. Glühend versinkt der Feuerball und heizt die Landschaft nochmals an. Die Gewalt der Farbe brüstet sich mit grellen Rot- und Orange-Tönen. Kaum einer der Reisenden riskiert daraufhin eine neugierigen Blick. Die Normalität des Seins löst sich auf in biederen Gesichtszügen.

Unter den Autobahnbrücken liegt schließlich das gesamte Elend verkümmerter Gefühle. Unsichtbar, spürbar kalt, nass ... niemals Liebe spendend. Wie kann ein Herz so gebaut sein? Im Abteil zweiter Klasse wird es heute keine Antworten mehr geben. Ratlosigkeit bedeckt jegliche Schulterblätter wie muffiges, klebendes Laub aus vorangegangenen Jahren. Distanzlos heule ich hier los, direkt neben der stinkenden Toilette ... alles in mir kocht nochmals auf und verbrüht die klaren, dankbaren Gedanken. Der Durst nach Leben trocknet meine Kehle.

Ein faustgroßer Kloß klemmt mir die Atmung ab. Meine Damen und Herren: Sie alle kennen das! Zwischen einem hemmungslosen Besäufnis und einer Strategie nach herkömmlicher Bewältigungstheorie liegen weit verzweigt die Welten. Suchend irren Blicke von rechts nach links. Ein Fahrrad kippt um. Irgendetwas hält diesen Zug heute nicht mehr auf. Das Personal hat keine Fahrscheine mehr für die Reise ins Vergessen. Nichts ist für immer. Nochmal alles geben.

Samstag, 14. Oktober 2017

Schmutzige Gedanken.


In aufgelöster Ekstase läuft mir das bittere Bier aus dem rechten und linken Mundwinkel +++ Leben - ein ausdauerndes Gewitter +++ Ratlos hängen die bleichen Schultern durch +++ Hinter einer verrosteten Harke wichst stehend eine Ratte +++ Im Büro sammelt sich Automatenkaffee auf der Tastatur +++ Mit zunehmendem Alter präsentiert sich der Gevatter Tod in seiner ganzen Unbarmherzigkeit +++ Am Tresen hält man mich fest +++ Dissonanzen bilden ein Orchester +++ 1000 Kilogramm Gehacktes schwitzen in der Sonne +++ Einen Fausthieb später gelingt mir die Flucht +++ Heranwachsende reiben ihre Gesichter an grob verputzten Außenwänden +++ Die Welt dreht durch +++ Acht Schnäpse auf die allererste Liebe +++ Aus den Augen läuft die Milch +++ Jedermann gabelt auf unsichtbaren Tellern +++ Ein brennender Furz zischt wie ein Komet +++ Operation gelungen +++ Bohnerwachs-glatte Gesichter lächeln von einsturzgefährdeten Fassaden +++ Aus dem 38. Stock fällt eine volle Flasche Wein in die Rosenrabatte +++ Ein alter Mann bringt seine Bücher in den Papier-Container +++ Die belegten Brötchen sind voller Blut +++ An einem Baugerüst baumelt der Kopf eines Pferdes +++ Letzte Nacht fiel ich aus dem Bett in ein Meer aus Scherben +++ Wunderschöne Frau hinterm Tresen +++ Reife Pflaumen hecheln mich an +++ Mit einem Zimmermannsnagel lasse ich mir "PUNK" auf den Rücken ritzen +++ Der Platz auf dem Friedhof ist gedanklich gefunden +++ Zum wiederholten Male vergesse ich die einfachsten Dinge +++ Heavy Metal schließt die gröbsten Wunden +++ Eine Verkäuferin tastet mich ab +++ Ohne ein Ticket steige ich in eine Bahn voller Kontrolleure +++ Only in dreams ...

Mittwoch, 11. Oktober 2017

eat eat eat ... DAS INTERVIEW!


Die Dicke von Gegenüber ist wirklich ein zügelloses Weibsbild mit erheblichen Flanken und bietet damit einen kreisrunden Gesamteindruck. Mit großer Mühe und etlichen Nebengeräuschen hievt sie sich aus einem winzigen, ganz und gar engem Kleinwagen japanischer Bauweise und balanciert auf zerbrechlichen Füßchen zur Kofferraumklappe. Vier prall gefüllte Plastiktüten, bunt bedruckt, gehen in zupackende Händchen über und werden schließlich mit großem "Ach" ins nahe Haus bugsiert. In der Küche brennt noch Licht, die Heizung wärmt auf höchster Stufe und all die Leckereien werden zunächst wie kleine Trophäen auf der Anrichte platziert: Pudding in Bechern, süße Joghurts, tiefgefrorenes Cordon Bleu, eingeschweißte Hackbällchen, Schaumwaffeln, Russische Kondensmilch, Ketchup, eine Packung Eier, Soßenbinder, Dosen mit Klops und Linsen, Brötchen zum Aufbacken, eine Flasche Kirschlikör, zwei Mettwürste, eine riesige Geflügelwurst, zwei Gläser Schlachte-Kraut, löslicher Kaffee, Kartoffeln, gefrorenes Rahm-Mischgemüse, vier Tafeln Schokolade, zwei Rollen Toilettenpapier "Super-Soft", zwei Stücken Butter und schließlich eine bunte Illustrierte mit detaillierten Informationen über das tägliche Fernsehprogramm für die nächsten 14 Tage. 
Leise und langsam sammelt sich eine glitzernde Schweißperle auf ihrer Stirn und macht sich schließlich auf den weiten Weg über all die Höhen und Tiefen eines zwar angestrengten aber nicht minder zufriedenen Gesichtsausdruckes. 

Wie oft gehen sie Einkaufen in der Woche?
Nach Möglichkeit einmal am Tag. Irgendetwas fehlt ja schließlich immer und ich liebe es nun mal, mit dem Einkaufswagen zwischen den Regalen und Truhen spazieren zu gehen. Meist hole ich auch nur Kleinigkeiten nach und genieße mehr die Gesellschaft und den Blick auf alles. Seit meiner Rente habe ich ja auch alle Zeit der Welt für und mein verstorbener Mann kann nun auch nicht mehr nach meinen Lenden trachten ...
Worin genau liegt der Reiz?
Nennen sie es ruhig eine Sucht, junger Mann! Es begann mit der politischen Wende um 1990 und hält unbeirrt an: All die Leckereien, einfachen und schnellen Gerichte für Zwischendurch .... Davon kann ich nie genug bekommen und wechsle regelmäßig Herzhaftes mit Süßem ab. Eine nie enden wollende Kette aus der bloßen Gewöhnung heraus. Mein Körper brüllt mich so lange an, bis ich ihm nachgebe und liebevoll versorge. Gesund ist das nicht, dass weiß ich doch! Aber sehen sie: Ich bin jetzt fast Siebzig und habe mir mittlerweile abgewöhnt dieses Laster kritisch zu sehen. Mein Sarg wird im Verhältnis eher ein Schuhkarton, die Grube benötigt mehrere Spatenstiche. Es mit Humor zu nehmen - ist die große Kunst im Umgang mit mir selbst.
Der perfekte Tag ... Wie sieht der für Sie aus?
Morgens Einkaufen fahren und gegen Abend gerne nochmal! Während der Malzeiten Fernsehen oder in Illustrierten blättern - nicht jedoch telefonieren. Nach Möglichkeit sollte alles knusprig paniert sein, die Soßen cremig, Kartoffeln schön gesalzen. Dazu dann was Lustiges in der Glotze, Bud Spencer oder Mister Bean ... und der Tag ist wunderbar!
Nehmen Sie sich Zeit für die Zubereitung der Speisen?
Nur so viel wie unbedingt nötig! Mein Ziel beim Einkaufen ist immer: das möglichst Leckerste mit der kürzesten Aufwendung an Zeit beim Zubereiten! Billigware kaufe ich nicht. Es muss schmackhaft sein, schnell funktionieren ... der Preis ist dann egal.
Was ist für Sie der Sinn des Lebens?
Darüber denke ich oft nach ... Früher waren das meine Kinder Mike und Jens sowie mein Mann, die Arbeit und Kollegen dort. Heute bin ich allein. Meine Söhne sind während eines Motorrad-Urlaubes verunglückt und mein Mann im Kummer darüber bald darauf verstorben. Jetzt arrangiere ich mich mit meiner eigenen Zufriedenheit und die beruft sich auf das Einkaufen und Verspeisen von Lebensmitteln. Ja, das tut mir gut und es ist eine gemütliche Art des Lebens. Der Magen fühlt sich beachtet und sendet dankbare Signale an meine Schaltzentrale im Kopf ... (lacht)
Wie geht es weiter? Haben sie noch ein Ziel vor Augen?
Es geht immer so weiter. In einem Fußballspiel befände ich mich jetzt in der Nachspielzeit ... da ändert man seine Grundausrichtung nicht mehr und geht nur noch aufs Ganze. Zu verlieren gibt es nichts mehr ... meine lieben Söhne und mein Mann sind schon in der ersten Halbzeit vom Feld gegangen und ließen mich hier allein zurück. Die Zeit überdauern, das kann nur mein Ziel sein. Ohne Wehmut und Selbstmitleid.

Ende.

Sonntag, 8. Oktober 2017

TRAIN XII & TRAIN XIII

 
Train XII

Sechs schrecklich laute Briten reiferen Alters, jeweils Pärchen, überbieten sich in ihrem Gebrüll und Gelächter ... Belanglose Gute-Laune-Stimmung, leicht ordinär, gesellig, frivol und eben viel zu laut. Eine der reifen Damen trägt Schlappen im auffälligen Leopardenfell-Design, durchsichtige Strumpfhosen, ultrakurzen Rock, goldfarbenen Schmuck auf welken Unterarmen sowie eine weiße, schwarz gepunktete Bluse. Die größte Besonderheit liegt jedoch in einem äußerst markigen, blauem Auge und einem riesigen, aufgepapptem Pflaster über der gesamten Stirne. Ein reifes Fräulein, frisiert und lädiert .... zärtlich angelehnt an ihren müden Partner. 
Die Sanduhren laufen, Zeiger ticken, digitale Zahlen wechseln ihr Licht in unwiederbringlichen Mustern. An den Fenstern verdunkelt sich die Sicht auf die biedere Landschaft ... Das Leben tänzelt verschämt vorüber, die Party liegt in ihren letzten Zügen. Gestört vom Gerede der Leute.
Auf dem kurzen Weg in die nächste Stadt werde ich belästigt. Man gönnt mir keinerlei Ruhe, es gibt wenig Respekt gegenüber der Stille. Mein Gesicht gleicht einem hart gebrochenem Stein: Keinerlei Mimik verrät irgendeine innere Regung. Mir wird alles zu viel. Zu dicht sitze ich bei den Menschen, welche mir unendlich fremd erscheinen. Es ist keine freiwillige Nähe. Die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, das aufgezwungene Miteinander ekelt mich an.
Der Zug hält. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, steigt zu. An einer ledernen Leine führt sie ein Monster von Hund ... laut hechelnd, Gelee-artiger Sabber aus einem blutrotem Unterkiefer, daumenbreite Reißzähne! Ihre Herrin ist voller Metall im Gesicht: Ringe über den Brauen, Nieten durch die Wangen, Kugeln rund um den Mund herum ... silbern glänzendes Geschöpf Gottes. Wenige Minuten später, der Triebwagen fast auf 80 km/h, schläft das Ungeheuer ausgebreitet vor der Vierergruppe Klappsitze. Manchmal zucken die Lider, der Schwanz peitscht zuckend und unwillkürlich umher. Madame Silbersee klöppelt auf ihrem digitalen Mobiltelefon und lächelt sich vielsagend in ihrer virtuellen Welt quer durch die sozialen Netze.
Wir schreiben das Jahr 2017 und ich bin traurig darüber, dass die Menschen in weiten Teilen der Gesellschaft öffentlich in ihrer eigenen Anonymität versinken. Die Aufdringlichkeit der betagten Briten ist mir in diesem Zusammenhang sogar ein klein wenig lieber.
In der großen Stadt steigen schließlich fast alle aus. Im gesamten Abteil bleiben mir nur zwei weitere Mitfahrer für die nächsten fünf Haltestellen, oder weniger. Die einkehrende Ruhe hat etwas Reinigendes. Es wäre jetzt wieder Zeit für ein Raucherabteil, eine frisch entkorkte Flasche roten Weines und lodernden Zigarrenqualm. Jazzmusik scheint mir dazu auch ganz passabel. Kennen sie die Situation, wenn sich das Altglas im Hausflur sammelt und aus einer inneren Starre heraus keinerlei Beachtung findet? Obwohl es nichts Schöneres gibt, als die vielen Flaschen mit großer Wucht in die dafür vorgesehenen Container zu deppern? Seltsam. Vielleicht stehe ich mit dieser Form der Sprachlosigkeit auch ganz allein da ... So wie jeder von uns seiner ganz eigenen Wahrheit hinterher japst und sich dabei auch noch furchtbar gerecht empfindet. Wir alle sind doch zu schwach für die Fülle unseres Lebens. Eine Erkenntnis die mir beim Aussteigen kam und mit der völligen Dunkelheit der Endstation zu tun haben muss.
Jetzt sehe ich auf die Bäume, schwarz und stumm. Unbewegliche Körper auf meinem Weg ohne Licht am Fahrrad. Die Autos brettern ohne Gnade und Gefühl an mir vorüber ... Risiko.
Zu Hause brennt Feuer in den Öfen, die Zwiebeln schwitzen glasig in der gelösten Butter. Irgendetwas, ein unbestimmbares Gefühl zwingt mich glücklich zu sein ... Aus Gottes Gnade heraus beschenkt mit Zuversicht. Abends, zwischen Laken und Zudecke reckt sich mein ganzer Körper in unbezahlbarer Behaglichkeit und meine Augen kleben an den Worten des unvergleichlichen Jules Verne. Im Laufe dieses Zustandes schlafe ich schließlich irgendwann ein, das Buch rutscht seitlich zur Wand mit der alten Raufasertapete und verworrene Träumereien starten in die absolute Unendlichkeit meines Daseins. Was für ein pathetischer Scheiß schon wieder ...

Train XIII

Purpurrote Hagebutten, wilder Wein in feuerrotem Blättergewand und mit purem Gold überzogene Bäume begleiten meine Fahrt in die nächste, große Stadt. Hinter mir lamentiert eine Frau mit kräftigem Oberlippenbart und tiefer Stimme über unzulässige Verspätungen bei der Bahn und nutzt für ihren ganzen aufgestauten Frust ein ebenfalls unzulässiges Vokabular. Das stetige Nicken ihres Gegenüber bestärkt den Wahrheitsgehalt und ganz persönlichen Schrei nach Gerechtigkeit und schonungsloser Vergeltung. Ich wähne mich in einem Theaterstück simplen Zuschnitts und genieße völlig ungefilterte Dialoge. 
Es ist Samstag und vor mir liegen freie Tage. Ein gutes Gefühl. 
Auf einer Werbetafel steht: "Hier wirst du Experte und Führungskraft". Darunter "Bundeswehr". Es sollte jedoch, ähnlich wie beim Verkauf von Zigaretten, folgendes als Zusatz stehen: "Ein Experte bei der Bundeswehr kann tödlich sein". Sowohl als auch, sie wissen wie ich das meine. Der Knabe mit dem Skateboard kalkuliert dagegen nur einen simplen Genickbruch ein ... er steigt jetzt aus und sucht Fun.
Wir erreichen einen größere Bahnhof in alte Hallen gekleidet. Es kommen Levi's-Jeans, Jack Wolfskin-Jacken, Diamant-Bikes, Vaude-Rucksäcke und dazugehörige Menschen ins das Innere. Auf dem Bahnsteig schlägt ein Kind akrobatisch Räder. Das gefällt mir. Herz sagt: Mach das! Und Kinder tun es. Gut das mein Herz mir keine solchen Vorschläge mehr unterbreitet ... Es Stände meiner weiteren Unversehrtheit arg im Wege. 
Die Fahrt geht weiter. Vorbei an Doppelhäusern, primitiv besprühten Lärmschutzwänden, ausgeblichenen Deutschlandfahnen, einem Imker-Häuschen, halb getrockneten Wasserlachen, riesenhaften Strommasten, einem Hühnerstall, verkohlten Fahrscheinautomaten, einer Rotte speiender Jugendliche, frisch gepflügten Äckern, gleichmäßig rotierenden Windrädern ... 
Ein paar Reihen vor mir klingen Bierflaschen: Klong! Säuerlicher, herber Geruch steigt auf und in den Bartstoppeln der beiden Trinker verfängt sich perlend der Schaum. Stumm und starr, fast notorisch bewegt sich der Flaschenhals den klaffenden Mündern entgegen. Das gefällt mir auch.
Lange Schatten versichern mir die späte Zeit, gleichmäßig fließen die geometrisch wirkenden Formen der eintönigen Landschaft an mir vorüber. Enthemmt böllert ein urbaner Rülps zwischen den gedämpften Sitzreihen entlang. Eindrucksvoll.
Der Mais steht gut, die Kolben haben stattliche Volumen. Als Kinder hockten wir in den Feldern und hieben unsere Zähne in die mehligen Körner. Wir aßen auch Sauerampfer, halbreife Birnen, madige Pflaumen, Glaskirschen, Kornäpfel und zutschten aus den Blüten der Taubnessel einen winzigen Tropfen Süße. Alles was der Ort und die umgürtete Landschaft so hergab. Das Interesse an solchen Anekdoten ist verschwindend gering geworden. Das gefällt mir wiederum gar nicht.
Nächste Station "Hauptbahnhof" und ich muss raus.

Donnerstag, 28. September 2017

Das °GOLD/SILBER/BRONZE Bild 2017


Die Auswahl des diesjährigen Favoriten für das °G/S/B Bild 2017 bedurfte verschiedenster Abwägungen und zog sich deshalb über Wochen hin. Schließlich setzte sich jedoch exakt jenes Motiv durch, welches mir am Anfang meiner Überlegungen bereits schon einmal in den Sinn gekommen ist: Die "Ritze" in Hamburg vom Fotografen Wayne Devaney!

Warum? >>>
Zunächst muss ich keinem hier die wunderbar, feinsprühende Assoziation hinter diesem Schnappschuss erklären ... das intensive Großreinemachen zur frühen Stunde hat in diesem Stadtteil Hamburgs eine gewisse Tradition. Die tagtägliche Hygiene eben.
Das Foto beherbergt zudem ein verworrenes Durcheinander an Linien und Details, Spiegelungen, Kontrasten sowie eine zentrierte Pointe. Das Auge des Betrachters klammert sich also trotz dieser Einzelteile am Zentrum der transportablen Information fest und im Gehirn formt sich fast automatisch oben bereits erwähnte Assoziation.
In einer Zeit voller unverbindlicher Objekte aus Sonnenuntergängen und blindlings fotografierter Katastrophen aller Color, in dieser rasanten Belichtungszeit eben, bekommt hier das menschliche Auge eine echte Geschichte vorgesetzt. Und was für eine! Es riecht förmlich nach Nacht, Champagner, feiner Wäsche, gelackten Stiefeln, russischem Parfüm, Pizza, Seeluft, Asphalt, Markt und Menschen. Die letzten Klänge irgendeines Rhythmus sind gerade eben verhallt, der einsame Mann sitzt vielleicht noch immer im Taxi und die Dirnen zählen mit ihren Luden die knittrigen Scheine.

Der Raum für all diese Gedanken ist weit geöffnet!

Sonntag, 24. September 2017

Der Morgen.

 
Der alte Efeu blüht und lockt mit seinem süßlichen Geruch die majestätischen Hornissen aus den finsteren Giebeln. Natürlich(!) begeht die Natur keinerlei Fehler – und dennoch verabscheue ich das dunkelgrüne, rankende Gewächs ... droht es doch mit unkontrollierbarem Wuchs und erstickt dabei die Farben seiner Brüder und Schwestern. Efeu erschwert jegliche Hoffnung und verlangsamt dagegen die Schwermut in ihrer fragwürdigen Schönheit.
Ein dämlicher Bewohner diese Ortes heizt mit lackiertem Holz seinen Badeofen, bläulich-giftiger Rauch schlängelt sich wie eine gefährliche Schlange gen Himmel. Und natürlich wiederhole ich mich, wenn ich meine: Nichts scheint mehr sicher! Sicherheit ist ein Zustand natürlicher Trance und verhilft uns zur Verdichtung positiver Gedanken. Der Tag als solcher erscheint uns in diesem Zusammenhang zunächst nicht sonderlich wertvoll ... erst im Angesicht drohender Gefahr für Leib und Seele beginnt der Wettlauf mit uns selbst. Panik droht.
Der Herbst ist so ein Monat. Die Tage bekommen eine seltsame Farbe und eine goldenes Sonne lässt uns mitunter erschauern. Die Zeit welkt und der feuchte Dunst aus den zähflüssigen Gräben kriecht langsam wie undurchsichtig zwischen leeren Straßen umher. Mit Licht und Feuer kämpfen wir dagegen an und diktieren uns Gemütlichkeit in die Tagebücher ... Maria und Josef machen sich schließlich auch bald wieder auf ihren beschwerlichen Weg. Der Mensch, also du und ich, kann mit all dem umgehen. Der Wille ist da, wenngleich das Fleisch immer und immer wieder schwächelt. 
Die Gier nach Leben ist ungebremst und der ist ein armes Geschöpf, dem diese Sucht nichts bedeutet. Der Kopf möge voller Hellem sein, das Herz federleicht, jede Bewegung einem Sinn gebenden Ziel nachgehen ... Es braucht ungebremste, aufkommende wie überbordende Liebe, blütenreiche Lust und scharfkantige Trennungen von halben Wahrheiten!

Der Morgen. Die Hände fast starr vor Kälte. Holz hacken im Gewölk der gerade eben vergangenen Nacht. Ein heißer Bottich Kaffee muss noch ziehen. Geknickte Kippe glimmt auf und es riecht wohltuend nach der schlichten Würze des Tabaks. Die wenigen Vögel zu dieser frühen Stunde, mühen sich redlich um Erheiterung. In einem gusseisernen Ofen bricht das Holz durch die Kraft des Feuers. Es ist fünf Uhr und ich träumte von nackten Weibern. Der Rotwein vom Vorabend hinterlässt keinerlei Spuren, die Zeichnung ist unter den Tisch gesegelt. Mein Kopf ist klar und die Arbeiten des heutigen Tages haben Struktur.