Sonntag, 18. Juni 2017

Autobahn. Das Interview!


Ende Mai, die ersten, heißen Tage: Mit Rainer sitze ich am Autobahn-Rasthof Fläming im "Marché" bei frisch gezapftem Pilsner und einer einfachen Portion Bauernfrühstück. Die Klima-Anlage arbeitet noch nicht und es riecht wohl deshalb auch ganz besonders nach blubbernden Sahne-Champignons, siedendem Fritten-Öl, Zwiebelringen, Panade und erstarrtem Fensterlack. Einige Fliegen kreisen etwas müde oberhalb des Gastraumes, welcher sich an diesem Sonntagmorgen nur zaghaft füllt.
Rainer ist schätzungsweise knapp 60 Jahre alt - genaueres möchte er nicht preisgeben - und befährt tagaus, tagein die Autobahn A9. Einfach so.

Guten Morgen Rainer ... Bier ist süffig, Bauernfrühstück etwas versalzen - dennoch ein guter Morgen mit viel Sonne! Was treibt dich um diese Zeit auf die Autobahn A9?

Ja, guten Morgen - ebenso. Im Moment sitze ich hier und frühstücke mit dir ... wäre ich heute in der früh nicht ins Auto gestiegen und hätte mich nicht auf den Weg gemacht, dann hätte ich dieses Interview wohl verpasst. Mich treibt das Leben auf die Autobahn, die Geschwindigkeit, die flüchtigen, schnelllebigen Kontakte - aber auch das Geschwätz mit schwerfälligen Lastkraftwagenfahrern, aufgekratzten Kindern, coolen Typen in teuren Kisten und, und, und. Sitze ich zu Hause, befällt mich augenblicklich das Gefühl etwas zu verpassen! Außerdem bin ich seit etwa zwei Jahren arbeitslos ... die Leute registrieren aber meine Umtriebigkeit und schätzen dies als Aktivität. Dabei komme ich mir wichtig vor, helfe ja auch bei der einen oder anderen Panne unterwegs. Eigentlich wollte ich nie ein Taugenichts sein. Jetzt bin ich schwer vermittelbar ... die Arbeitsagentur hält mich und mein Faible für die "A9" als unnormal. Dabei wäre die ideale Lösung ein Job bei der Autobahn-Polizei oder als Pannenhelfer beim ADAC. Die halten mich aber für gänzlich bescheuert.

Rainer, du legst ja los wie die Feuerwehr ... mir bleiben jetzt kaum noch Fragen! Aber wie sieht dein Tag mit der Autobahn eigentlich aus? Wie viele Stunden verbringst du dort?

Das ist in der Tat etwas peinlich. Sagen wir es so: In der Woche bin ich vielleicht nur zum Duschen, Postkasten leeren oder zum Schlafen in den eigenen vier Wänden. Das machen etwa 24 Stunden aus. Ansonsten fahre ich stundenlang die A9 hoch und wieder runter ... mit vielen Halts an Tankstellen, Parkplätzen, Rasthöfen oder um bei einer Panne zu unterstützen. Ich liebe die Autobahn und lebe auf ihr.

Irre! Aber in Gottes Namen: Warum?

Zunächst, wie eingangs gesagt: die Menschen! Unentwegt treffe und begleite ich Menschen ... viele mit positiven Grundstimmungen - die kommen oder fahren zu Hochzeiten, Konfirmationen, in den Urlaub, zur Geliebten oder zum Geliebten. Aber auch Geschäftsleute, Lastkraftwagenfahrer oder Beamte haben in der Regel eher gute Laune und teilen sich entsprechend gern mit. Aber auch das Fahren begeistert mich ... das Surren der Profile, das Schnurren des Motors, die Lichthupen, das Winken der Kinder, ein kleiner Flirt. Man möchte sich aalen in all den Abwechslungen und ständigen Veränderungen. Ein schöner Stau ist dabei meine Spezialität! Es gibt unglaubliche Begegnungen!

Erzähl doch mal von einer!

Einmal fuhr ein seltsamer Junge neben mir her ... Stop and Go ... zum Ende hin Stau. Fast immer auf gleicher Höhe. Kaum 18 Jahre jung und einen schönen, weißen BMW unter dem noch haarlosen Hintern. Sein Gesicht war brav und dennoch strahlte es eine furchtbare Gefahr aus. Fast stoisch starrte er wie ins Nichts, klammerte krampfartig das Lenkrad und gab furchtbar Gas im Leerlauf. Das ging ewig so! Manchmal fuhr er seinem Vordermann bedrohlich nah auf ... immer wieder aggressiv ran! Das Auto war wohl von den Eltern. Ich machte mir Sorgen, dachte zuerst an den Konsum von Drogen. Nach etwa 5 km Stau war die Strecke wieder frei und ich bremste den Bengel mehrfach aus ... immer wieder versuchte der junge Mann mich zu überholen, gab Gas und bremste wieder ab. Hinter uns bildete sich der nächste, stockende Verkehr - es war eine sehr gefährliche aber auch spannende Situation. An der Raststätte Köckern drückte ich den Wahnsinnigen bis in den Bereich der Parkplätze hinein ... Etwa eine Stunde später aßen wie gemeinsam Bockwurst mit einer Toastscheibe und Senf, tranken jeder ein Pils. Der arme Kerl wollte sich das Leben nehmen! So verdammt eng und knapp war das damals und ich könnte heute noch darüber heulen. Wir haben noch Kontakt ... es geht ihm auch nicht so viel besser ... kein klassisches Happy End also. Aber auf die Sauerei eines solchen Freitodes hat selbst eher keinen Bock mehr - mindestens mir zu Liebe schon nicht.

Weshalb ausgerechnet die Autobahn A9 ... ausgerechnet die?!

Zu viele Erinnerungen aus früheren Tagen. Ich bin in diese Strecke förmlich hinein geboren und werde wohl auch darin wieder zu Erde werden. Für mich ist das heute noch eine reine Ost-Autobahn ... und jeder Auswärtige, vor allem mit westlichen Kennzeichen, ist für mich ein ganz besonderer Gast! Ich liebe Kölner, Düsseldorfer usw. Kennzeichen, mag nach wie vor die Reklame auf den Lastwagen ... von "Südmilch" bis "Milka" ... ein ewiger Romantiker wie ich bin. Am schönsten sind die Schwingungen der Strecke zum Fläming hin - forsch und doch nicht zu schnell genommen, sagen wir mit 160 km/h ... wunderbar!

Und wie finanzierst du diesen Traum?

Jedes Geschenk läuft auf einen Tankgutschein hinaus! Außerdem variiere ich mit meinen Fahrten ... bei wenig Geld fahre ich kürzere Strecken und bin länger in den Raststätten und Tankstellen - bei vollem Tank dann wiederum auf der ganzen Piste am cruisen. Ich bin flexibel. Hauptsache vor Ort, auf meiner A9!

Was nervt dich, bei aller Euphorie?

Du wirst es kaum glauben: Nichts! Weil alles seinen Platz braucht und hat! So ist das Leben. Entnervte Eltern, besessene Raser, verdorbenes Essen, gnadenlose Polizei, onanierende Lastkraftwagenfahrer (auf dem Bock!) - all das hat einen Ursprung, eine Ursache. Ich beobachte, agiere und leben mit all diesen Schwächen. Aber wie gesagt: Eigentlich ist die Zeit hier vor allem Happy!

Vielen Dank für diese Auskünfte und alle Zeit eine gute Fahrt!

(Die Gläser sind geleert. Auf den Tellern liegen noch halb verschmorte Zwiebelringe, Messer und Gabel sind sorgsam darauf platziert. Zerknüllte Servietten, knisternder Restschaum vom Pilsener, der immer gleiche Dunst des Raumes ... mein Weg geht nach draußen und ich weiß um die Reichhaltigkeit des Lebens. Der Rainer.)

Dienstag, 13. Juni 2017

Tod unter dem Obstbaum.


Sommer 1967 bei unsagbar grellem, gleißenden Licht in der brütenden Mittagsglut ... Eingekeilt zwischen zwei kräftigen, knochigen Ästen - mein Ur-Großvater. In einer Höhe von etwa vier Metern, ganz dicht dran an den saftenden, schmachtenden Früchten eines ekelhaft ordinären Julis, verharrte der alte Mann still und ruhig in unbequemer Position. Der salzige Schweiß rann zwischen den Furchen und Falten seiner ledernen Stirn und sammelte sich brennend zwischen den müden Lidern der bläulich-grauen Augen. Die Glut einer narzisstischen Sonne bügelte sein Unterhemd und brannte auf der Fontanelle des schweren Schädels. Wie ein zarter, unerbittlicher Fön zog die aufgepeitschte Luft der Jahresmitte durch das wenige, krause Haar ... ringsum verstummten die wenigen Geister in der sommerlichen Ohnmacht.

Bevor mein Ur-Großvater einige Stunden später vom Schlag getroffen wurde und leblos wie ein riesiger, verflogener Mantel in der Baumkrone hing, durchfuhren ihn ein letztes Mal die kleinen wie großen Gewissheiten seines arbeitsreichen Lebens. Mit dem kahlen Mund schnappte er verzweifelt nach dem naheliegenden Obst ... wohl eher als letzte Speisung denn Lebensretter gedacht. Der Tag wollte nicht vergehen ... so wie es ihm auch im Leben öfters erging. Enttäuscht von einem seltsamen Schicksal, enttäuscht von der Erbärmlichkeit seines plötzlichen Ablebens nässte er noch einmal wie als kleines Kind in seine Hose aus fahlen Oliv-Tönen. Der heiße Urin rann sachte aus dem matten Glied und bahnte sich über die schwächlichen Oberschenkel seinen Weg zu den Kniescheiben. Die zusätzliche Wärme erschien ihm durchaus angenehm und für eine ganz kurze Sequenz seines Bewusstseins empfand er dieses schöne Gefühl exakt wie zur Zeit seines Heranwachsens. Das Glück in seinem Kopf zeigte sich später noch in seinem erkalteten Lippenzug.    

Freitag, 9. Juni 2017

Gefundenes Fressen - Teil 53


Ja, es gibt sie ... 1000 % Liebe! Doch was nützt diese ohne jegliche Erwiderung? Das marode Treppenhaus eines unsanierten Schulhauses gab dieses schöne °FRESSEN frei ...

Montag, 5. Juni 2017

Simone.


Der Versuch etwas Erotisches zu schreiben, reibt sich seit je her lüstern an meinen leicht pornografisch anmutenden Phantasien ... Der Spagat, dies einerseits zu ignorieren und anderseits mit größter Eleganz inhaltlich einzubeziehen, erscheint mir reichlich ungelenk und wird mich wohl an den Rand einer inneren Zerrissenheit treiben. So versuche ich zunächst unbekümmert und reinen Herzens einen ersten Anfang ...

Als ich sie das erste Mal sah, wünschte ich mir sehnlichst sie hieße "Simone" ... So wie die wasserstoffblonde, sommergesprosste und vollbusige Simone aus unserem kleinen Kuh-Dorf. Die trug so gut wie nie einen Büstenhalter unter ihren ausladenden, weißen Herren–Unterhemden und die kleinen wie großen Details brachten jeden Jungen um den Verstand. Manchmal hörte man es im ganzen Ort sehnsüchtig und lang gestreckt aus den vielfach angelehnten Fenstern in laue Sommernächte hinaus winseln: Simooohne! Überhaupt Simone: mit ihren riesigen, wiesengrünen Augen, ultralangen Naturwimpern und dem knallharten Hintern aus scheinbar abgekühltem Teer ... Wenn sie über die alten Pflastersteine der Dorfstraße stöckelte und sich die Konturen ihres Körpers in eine elektrisierende Dynamik schwangen ... so diente sie uns uneigennützig als Vorlage für unruhige, verschwitze Nächte in virtueller Zweisamkeit - mit einem finalen Aufschrei nach minutenlanger Eruption. Völlig erledigt lagen schließlich all die jungen Bengels in ihren schneeweißen oder geblümten Decken und träumten sich ein kleines, wunderbares Glück zusammen. 

Deshalb also "Simone". Weil Göttinnen eben einen passablen Namen brauchen. Hier lief eine solche also direkt vor mir, in einem knappen wie leichtem Stoffhöschen aus welchem lange, samtweich gepflegte Beine ragten und wie das saftige Fleisch weißer Pfirsiche lockten. Gleichmäßig bewegten sich ihre Po-Hälften und gaben einen Rhythmus vor, wie ihn sonst nur die muskulösen Trommler auf den Sklaven-Schiffen zu erzeugen in der Lage waren. Mir schlug das Herz gegen die Stirn und in den Adern begann mein Blut zu sieden. Humpelnd versuchte ich Schritt zu halten und meine Augen hefteten sich dabei, einen Halt suchend, an ihre wiegenden Kurven. Was hatte ich diesem Geschöpft des Himmels nur angetan, dass es mich mit ihren Reizen so marterte? Meine überbordenden Gefühle benötigten dringend einen Bremsschirm, ein eisiges Bad ... Irgendeinen der sie aufhielt oder aber den direkten Zusammenprall mit dem was mich so irrsinnig machte.

Nun begab es sich aber, dass dieses Konzentrat an Weiblichkeit immer weiter davon glitt und mich halb stolpern und halb fallend zurück ließ ... Immer kleiner erschienen mir ihre Umrisse und seltsam verzweifelt mein Suchen in diesen Minuten. Wie das Schlagen schwerer Kirchturmglocken zertrümmerte mein Herz die liebliche Stille und was auch immer gleich Geschehe - es könnte mit meinem Unglück nicht Schritt halten. Die Liebe verdampfte auf Nimmerwiedersehen in der nächsten und übernächsten Seitenstraße. Da wo eben noch ein Sturm durch meine Lenden schoss, verquoll und verdickte sich das Blut zu einem unseligen, starren Klumpen Traurigkeit.
Ein viel zu heißer Sommer traf auf die letzte Glut einer vereinsamten Seele und briet die Lust in goldbraunen Nuancen. Noch lange irrte ich auf den Gehwegen suchend umher.

In der folgenden Nacht bearbeiteten meine Hände das riesenhafte Schwert der Unzufriedenheit. Es schwang durch die Lüfte, hob und senkte sich - um mich herum nichts als das Dunkel und die Stille, zerschnitten von der Schärfe des glänzenden Metalls. Die Liebe lag in einem anderen Bett, in einem anderem Zimmer an einem unbekannten Ort eines mir fremden Landes - weit weg von diesem Planeten. So viel war klar. Und mit diesen eher untröstlichen Gedanke entließ mich die letzte Sequenz dieser Nacht in einen tiefen Schlaf.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Spiel mir das Lied. Ausgabe Juni 2017


Ohne viel Zucker und sonstige Zusatzstoffe kommt die musikalische Liste für den Monat Juni daher ... hoch zu Ross, bepackt mit Rüstung, langen Schwertern und selbstverständlich angriffslustig. Es sind im Prinzip schon viel zu viele Worte, welche unter dem gleichmäßigen Schlag des Dampfhammers in die Lächerlichkeit hinein verblassen.


Hervorheben möchte ich diese fünf Gewitter:


°G/S/B